tandem
Anmeldedatum: 27.11.2006 Beiträge: 1
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Verfasst am: 27.11.2006, 17:33 Titel: Die Selbstverständlichkeit der Begriffsbildung |
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WS 2006/2007
Universität Hamburg
Medienkultur
07.350 Radio und Dritte Welt
Dozent: Wolfgang Settekorn
Tesfalem Andemariam
26.11.2006
Die Selbstverständlichkeit der Begriffsbildung
Die Definition einer „Dritten Welt“ als Konstruktion von Realität
Die Begriffsbildung ist Voraussetzung für die Entstehung einer (eigenständigen) Sicht auf die Welt, einer „Weltanschauung“. Je nachdem, in welche Definitionen die unsere Welt bestimmenden Eigenschaften gefasst werden, ergeben sich unterschiedliche Schlüsse und Konsequenzen. So erscheint eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff „Dritte Welt“ und damit zusammen hängenden Konzepten wie „Reichtum“ und „Armut“ als notwendig.
Der Begriff „Dritte Welt“ beinhaltet verschiedene Bedeutungen, die aus heutiger Sicht der Situation nicht angemessen sind.
- begriffsgeschichtliche Grundlagen: stammen aus Europa („westlich“, besonders Frankreich, dem Begriff liegt etwa die Vorstellung der drei französischen Stände (Adel als erster Stand, der einfache Bürger als „dritter Stand“ – tiers-état) zu Grunde.
- „Tiers-monde“, „Dritte Welt“ ist ideologisch aufgeladen und deswegen auch schon lange umstritten. Es gibt verschiedene Versuche, diesen Begriff zu ersetzen, z.B. durch „Trikont“, die geographisch geleitete Bezeichnung „Nord/Süd“. Eine andere Alternative bietet sich in der Unterscheidung zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“ (im Ansschluss an die Dependenztheorie).
- der Unterscheidung zwischen erster, zweiter, dritter Welt bedeutet eine Einordnung in eine Rangfolge. Allein durch den Wegfall der Einteilung in große Machtblöcke (während des Kalten Krieges – der Westen als „erste“, der Ostblock als „zweite“ und „der Rest“ als „dritte“ Welt) fiel auch die ursprüngliche Grundlage dieses Begriffs weg.
- Die verbreiteten Begriffsinhalte heute: „erste Welt“ die Industrieländer, „zweite Welt“ die „Schwellenländer“, „dritte Welt“ sind die „Entwicklungsländer“. Diese Begriffen wirken diskussions- und diskursleitend. Sie werden aber nicht kritisch hinterfragt und schaffen so ihre eigene Realität. Die sozioökonomische, politische, gesellschaftliche Realität bleibt im Hintergrund, wird verschleiert. (Viele Begriffe, die in vergleichbaren Zusammenhängen gebraucht werden, wirken ähnlich „verzerrend“: z.B. die Rede von Clans, von Stammesgesellschaften. Sie bewirken negative Assoziationen von Rückständigkeit, Korruption etc.)
- Die Maßstäbe dieser Einteilung sind willkürlich, abhängig von der Perspektive derjenigen, die einteilen
- Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Welten setzt deren Existenz voraus lässt eine „Dritte Welt“ als naturgegeben erscheinen
- Der Begriff „Dritte Welt“ konstruiert einen Block, der unterschiedliche Länder hauptsächlich nach ihrer (an wenigen umstrittenen Indikatoren gemessenen) Wirtschaftskraft ordnet
- Die Definition von „Fortschritt“, „Entwicklung“ und „Unterentwicklung“, Armut und Reichtum u.ä. muss hinterfragt werden. Das wird z.B. auch im Bereich der globalen Umweltzerstörung / -probleme deutlich; oder an der Armut an zwischenmenschlichen Beziehungen, mit der die Menschen in der „Ersten Welt“ konfrontiert sind; was bedeutet diese Art von Armut? Die Journalistin Stella Orakwue schreibt: „They don’t even have someone to have a cup of coffee with – a situation nobody experiences in Africa, Asia and the Middle East.“ – Orakwue, Stella, Saving the burkha woman? In New African, Jan. 2002, No. 403, S. 29-30, zitiert nach Hoffmann 2003: 20.
„Da die Bezeichnung „Dritte Welt“ eine Hierarchie der Welten und damit eine Wertung impliziert, wird er oft als diskriminierend wahrgenommen.“
E. Hoffmann, Empowerment als Strategie der Entwicklungshilfe, Schriftenreihe des Kurt-Eisner-Vereins für politische Bildung, Heft Nr. 5, Dezember 2003
"Der Reichtum der imperialistischen Länder ist auch unser Reichtum. Europa hat sich an
dem Gold und den Rohstoffen der Kolonialländer unmäßig bereichert. ... Dieses Europa
ist buchstäblich das Werk der „Dritten Welt“. Die Reichtümer, an denen es erstickt, sind den unterentwickelten Völkern gestohlen worden. ... Deshalb werden wir nicht zugeben, daß die Hilfe an die unterentwickelten Länder als ein Werk der Barmherzigkeit verstanden wird. Vielmehr hat diese Hilfe eine doppelte Bedeutung: Sie bestärkt die Kolonisierten in dem Bewußtsein, daß man ihnen etwas schuldig ist, und die kapitalistischen Mächte in der Erkenntnis, daß sie zahlen müssen."
Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 1961, dt. Übersetzung Frankfurt 1981
Handbuch der Dritten Welt, Bd. 1: Grundprobleme, Theorien, Strategien, hrsg. von Dieter Nohlen und Franz Nuscheler, Vrelag J.H.W. Dietz Nachfahren, Bonn 1993
Walter Rodeny, Afrika: die Geschichte einer Unterentwicklung. - 9.-11. Tsd. - Berlin : Wagenbach, 1980 |
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